In der Uni in einem Einführungsseminar zur neueren deutscher
Literaturwissenschaft: Wir sollen „Hikikomori“ lesen. Und wir natürlich alle: „Wat
sollen wir lesen?“.
Mit meinem top-modernen Smartphone hab ich gleich nach der
Veranstaltung nachgeschaut, was das denn heißt. Wikipedia hat mich
freundlicherweise darüber aufgeklärt, dass „Hikikomori“ kein Name für einen
Urwaldstamm ist:
"Als Hikikomori (jap. ひきこもり, 引き籠もり oder 引き篭り, „sich
einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich
freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur
Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Der Begriff bezieht sich sowohl auf
das soziologische Phänomen als auch auf die Betroffenen selbst, bei denen die
Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können.
Obwohl
akuter gesellschaftlicher Rückzug in Japan Jungen und Mädchen gleichermaßen zu
betreffen scheint, sind es überwiegend männliche Personen, die mit ihrem
Verhalten Besorgnis oder Aufmerksamkeit erregen. In Familien mit mehreren
Kindern ist es am häufigsten der älteste Sohn." (aus: Wikipedia, die freie Enzyklopädie)
Ganz diesem Beispiel folgend
ergeht es dem Protagonisten in Kevin Kuhns Roman „Hikikomori“. Till geht auf
eine Walddorfschule, darf von seinen Eltern aus alles tun und wird trotz
fehlender Zulassung sogar durchs Abitur geklagt, während er… ja, was macht Till
da eigentlich? Er räumt seine Möbel in den Keller, malt Umrisse auf den Boden,
die an die Umrisse der Leichen an Tatorten von Morden erinnern. Als er nicht
zum Abitur zugelassen wird ist er plötzlich allein mit sich selbst und beginnt
sich zu reflektieren. Und um sich selbst zu reflektieren, darf einen nichts
stören. So bricht Till nach und nach den Kontakt zur Außenwelt ab. Aber nicht
ganz. Denn in der Ecke blinkt stets sein Computer und wartet mit einem Spiel
auf ihn. Erst ein Ego-Shooter, dann ist ihm diese Welt zu klein und er
erschafft eine neue. Mit Minecraft. Vielleicht klingelt es bei einigen von
euch, vielleicht auch nicht. Das ist eine Art Bauklotz-Simulator. Dort baut er
die Welt „0“. Eine Zufluchtsstätte für Menschen wie ihn, die sich selbst finden
wollen, oder solchen, die nach einer perfekten Welt suchen. Irgendwann
verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und der Welt „0“ und selbst der
Leser findet sich nicht mehr zurecht. Ein Satz wie: „Am Ende wird dann doch
alles gut“ ist auch eher deplatziert, denn ob Till letztendlich zu sich selbst
findet, weiß man nicht so genau. Klar ist, dass er nicht isoliert bleibt, dass
er gar nicht isoliert bleiben kann.
„Hikikomori“ hat mich persönlich
ein wenig verstört. Ich dachte erst, es ginge um Till, den radikal genormten
Teenager, der sich vor den PC setzt und Ballerspiele spielt, statt sich mit
sich selbst auseinander zu setzen. Und dann merkt man allmählich: Das hier ist
kein Jugendroman, der die sozial verkrüppelte Jugend zu sich selbst führen
soll. Ja, da ist die Schwester, die mit dem Smartphone ständig auf Facebook
hängt. Ja, der Autor schreibt ständig „Mouse“, als wäre es etwas ganz und gar
Neumodisches. Und ja, Till zockt und befasst sich weder mit seinen Freunden,
noch mit dem Abitur, das er nicht antreten kann. Aber was Till macht – und das
finde ich beeindruckend: Er setzt sich mit sich selbst auseinander. Er lebt fast
ein Jahr lang völlig isoliert und ohne viel direkten Kontakt zu anderen
Menschen. Meiner Meinung nach wächst er über sich und seine Schwächen hinaus,
nicht „obwohl“, sondern gerade weil er sich derartig isoliert. Ob er danach
nicht einen psychischen Knax weg hat, ist eine andere Frage.
In diesen Aspekten gefällt mir
Kuhns Roman. Er enthält keine lehrende Botschaft und soll auch nicht einen
Anti-Teenager präsentieren. Ich glaube, dass Kuhn zum Nachdenken anregen
möchte:
- Warum verschließt sich Till so
vor der Realität, obwohl er doch alle Möglichkeiten hat um „raus“ zu kommen?
- Warum lassen Tills Eltern sich auf diese Form der Selbstfindung ein?
- Warum verbannt Till all seine Habseligkeiten in den Keller, außer seinem Computer?
- …
- Warum lassen Tills Eltern sich auf diese Form der Selbstfindung ein?
- Warum verbannt Till all seine Habseligkeiten in den Keller, außer seinem Computer?
- …
Was mir an Kuhns Buch nicht
gefällt lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen:
Für jemanden, der Ego-Shooter und
auch Minecraft spielt, wurden die dargestellten Welten schlicht und ergreifend
falsch präsentiert. Sie wurden einerseits idealisiert und auf der anderen Seite
um Aspekte erweitert, die man so in keinem Spiel finden würde. Die Frage ist
nun: Hat der Autor sich hier nicht genügend informiert, oder hat er mit Absicht
das Spiel toller gemacht, als es ist? Vielleicht um uns zu zeigen, dass Till
fantasiert, dass er seine neue Welt besser und empfindsamer macht, als sie ist.
Man kann in Minecraft keine Gesten ausführen und erst Recht kann niemand mit
einem anderen Spieler Sex haben. Mich persönlich hat diese Darstellung gestört,
auch wenn sie nur als Stilmittel gedacht war.
Zuletzt noch: Tills Familie. Ich
kann mir schlicht und ergreifend keine Familie vorstellen, die ihren Sohn ein
Jahr lang lediglich verpflegt und ihn ansonsten sich selbst überlässt. Till
verkommt nach und nach total und niemanden scheint es wirklich zu kümmern,
außer eventuell seine Schwester. Ich wüsste gerne, was diese fiktiven Eltern
dazu gebracht hat, so viel Vertraue in einen pubertierenden Teenager zu setzen…
Insgesamt kann ich „Hikikomori“
nur empfehlen. Das Buch hat nur um die 200 Seiten und ist schnell gelesen. So
viel nachgedacht hab ich persönlich aber selten über eine solche Erzählung. Danke,
Kevin Kuhn, für diesen Einblick in die menschliche Psyche eines 17-Jährigen.

Hmmm. Das Phänomen an sich finde ich interessant, das Buch würde ich nicht lesen. Ich kenne einen Menschen, der sich isoliert - und zwar ganz ohne Computerspiele. Er denkt über sich und die Welt nach, er grübelt, grübelt, grübelt. Naja... Und keiner kann ihm helfen... Und das ist Realität. Computerspiele interessieren mich nicht, auch nicht in literarisch verschönerter Form :)
AntwortenLöschenIch finde das nicht gut, dass der Autpr die idealisiert. Vielleicht verleitet es noch mehr Leute, spielsüchtig zu werden??
lg
Esra
http://nachgesternistvormorgen.de/
Hallo Esra, schön, dass du meine Rezension gelesen hast.
AntwortenLöschenKuhns Buch wird niemanden dazu verleiten spielsüchtig zu werden, sein Fokus liegt ganz wo anders: Auf dem Hikikomori-Phänomen. Die Computerspiele sind nur ein Hilfsmittel, um Tills Situation zu zeigen.
LG Marie