Montag, 11. November 2013

kaufen, tragen, wegschmeißen - Das Prinzip Primark

Dieser Post wird heute etwas länger, als gewöhnlich. Aber gerade heute bitte ich weiter zu lesen, denn das Thema ist wirklich wichtig. Es geht um T-Shirts für 2,50€ und Hosen für 11€. Genau gesagt: Es geht um Primark. Und nebenbei selbstverständlich auch um jeden anderen Laden, in dem Kleidung zu skepsiserregenden, günstigen Preisen verkauft wird.




Ich kaufe bei Primark ein. Warum? Weil es billig ist und die Klamotten schön aussehen. Das klingt flach, aber ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden.
Ich habe auch schon vielen meiner Freunde empfohlen, bei Primark einzukaufen. Das erste Mal habe ich den Laden, von dem ich noch nie gehört hatte, in England gesehen und war sofort begeistert. Für so wenig Geld mit so vielen Tüten nach Hause zu kommen, dass sie kaum in meinen Koffer passten... ein verlockendes Angebot.


Und genau davon lebt Primark: Von der Masse. Primark verkauft viel zu unglaublich günstigen Preisen. In Deutschland gibt es derzeit 10 Filialen, 8 weitere sind geplant. Eine davon ganz bei mir in der Nähe, in der Kölner Innenstadt. Läden wie H&M, Zara etc. haben zurecht Angst vor der kommenden Konkurrenz, die da Anfang 2014 auf sie zurollen wird, denn Primark ist größer, billiger und wechselt ständig das Angebot.

Primark ist günstig, modisch und billig.

Es gibt viele bekannte Youtuber und Blogger, die von ihren Einkäufen bei Primark berichten. Es ist voll, laut und die Klamotten werden aus den Regalen gerissen und nicht zurückgelegt. Ein Großteil des Personals faltet den ganzen Tag und räumt das Chaos wieder ein. Primark selbst macht fast keine Werbung - aber das schadet dem Unternehmen scheinbar gar nicht. Hier zeigt sich wieder einmal, was eine Handvoll Youtuber und Blogger und die Mundpropaganda bewirken können: 

Primark feiert jedes Jahr größere Erfolge. Allein im letzten Jahr machten sie 22% mehr Umsatz als im Jahr zuvor.

Jeder von uns hat sich sicher schon mal gefragt, wie Primark, aber auch H&M, Zara und andere Verkaufsketten es schaffen so günstige Mode zu verkaufen.

Warum Primark dabei günstiger ist, als andere ist leicht zu erklären: Im Vergleich zu ihrer Branche machen sie wenig Umsatz. Ein Kleid, das für 16€ verkauft wird und 5€ Material plus Transport gekostet hat, bringt ihnen effektiv weniger ein, als es in anderen Märkten bringen würde, denn Primark ist und bleibt günstiger, als die Konkurrenz. Doch sie haben keine Werbekosten und produzieren genauso günstig, wie andere: In Bangladesch beispielsweise.

In meinen neuen Klamotten aus der Primark-Papiertüte finde ich keine Aufschrift "Made in Bangladesch", sondern nur den Vermerk: "Primark Dublin". Genau das hat auch der Film "Mode zum Wegwerfen - Das Prinzip Primark" vom ZDF festgestellt und sich auf den Weg nach Bangladesch begeben.

"Textilien als täglicher Konsumartikel"
- kaufen, tragen, wegschmeißen -
Der Primark-Effekt


Bangladesch ist der zweitgrößte Textilexporteur weltweit. Markenkleidung wird hier in barackenähnlichen Gebäuden von unterbezahlten (meist) Frauen genäht.
Doch Primark sagt: Unsere Arbeiter erhalten alle den gesetzlichen Mindestlohn.
Das ist richtig. Doch von 30€ Mindestlohn im Monat kann man nicht mal in Bangladesch leben. Die Lebensbedingungen sind ohnehin schon schrecklich genug: Überall Berge von Textilmüll, überschwemmte und baufällige Gebäude, in denen immer noch gearbeitet wird. Elf Stunden am Tag, 6 Tage die Woche. Dafür bekommt man hier 30 bis 60€ im Monat. 40% der Bevölkerung leben hier in Slums und in menschenunwürdigen Verhältnissen. 



Sind wir das Schuld, weil wir bei Primark einkaufen?

Ja und nein.
Weil wir die Sachen kaufen, verdient eine Näherin in Bangladesch überhaupt etwas. Aber hier herrscht ein ethisches Problem: Die billigen Arbeitskräfte werden schamlos ausgenutzt. Niemand wird hier wertgeschätzt und viele Näherinnen zeigen im Interview mit dem ZDF, dass sie gar nicht glauben können, dass wir ihre mühsame Arbeit mit so wenig Geld erkaufen. Primark lässt jedoch nicht zu, dass in ihren Fabriken selbst gefilmt wird. Vielleicht aus Scham und Selbstschutz. Aber wie wirkt das auf uns, auf die Konsumenten?

Doch es gibt Hoffnung. 
Mittlerweile gibt es Organisationen wie "Worker's Help", die sich mit den schlechten Arbeitsbedingungen auseinandersetzen. Primark selbst hat die Initiative "Primark Ethical Trading" ins Leben gerufen. Und genau für diese Initiative möchte ich hier dringend Werbung machen, denn ich finde der Film des ZDF rückt Primark in ein sehr einseitiges, schlechtes Licht.


Primark Ethical Trading (www.primark-ethicaltrading.de) setzt sich für verschiedene Projekte in den Produktionsländern ein. Eine kurze Auflistung hier:


- Frauengesundheit (BSR HERproject [Health Enables Returns] Initiative:
- Gesundheitsversorgung und Gesundheitserziehung
- Hilfe bei Hygiene, sexueller Gesundheit, Fortpflanzung, Schwangerschaft & Ernährung 

- Stärkung der Rolle der Frauen)

- Nachhaltige Baumwolle (Zusammenarbeit mit Organisationen, um Nachhaltigkeit und Existenz von Baumwoll-Anbauern zu verbessern)
- Bankkonten für Arbeiter (Arbeitern bei Errichten von Bankkonten helfen, damit sie sparen und finanziell bodenständiger und gesicherter sein können)
- Kleidung wiederverwerten
(mit der Newlife Foundation:
- Kleidung wiederverwerten und so umweltverträglicher produzieren

- Recyceln von nicht verkaufter oder zurückgegebener Kleidung, um weniger an Mülldeponien zu geben [also bringt eure Kleidung zurück zu Primark, in die Wiederverwertung]- Mehr Rechte für Arbeiterinnen
- Schulungen für Arbeiter
- Sauberere Produktion, Umweltschutz (Cleaner Production: Herstellern werden die Resultate von sauberer Produktion gezeigt, zzt. in Bangladesch und China) - meiner Meinung nach keine Wohltat, sollte heutzutage eigentlich Standard sein, gerade bei so großen Unternehmen- Schulen und Hochschulen (Fallstudien, Transparenz der von Primark geleisteten Arbeit)
- Existenzsicherende Löhne in China (nur in China!)- Unterstützung für Heimarbeiter auf den Philippinen
- Abfallverwertung (Abfälle aus Filialen in Großbritannien [nur in GB!] (Karton, Plastik oder Kleiderbügel) werden im Recyclinghof in Thrapston wiederverwertet --> Verkaufsnetz in GB fast CO2-neutral)


Vor etwa einem halben Jahr stürzte ein Produktionsgebäude in Bangladesch (Rana Plaza) ein, bei dem viele Arbeiter ums Leben kamen. Primark verkündete Ende Oktober Maßnahmen, wie Opfer und Hinterbliebene entschädigt werden sollen:

1. 550 Arbeiter bzw. Hinterbliebene sollen entschädigt werden. Dazu gehört insbesondere die Erfassung und Beurteilung ihres Gesundheitszustandes und ihrer Vulnerabilität (Verletzbarkeit).
2. Unterstützungszahlungen an diese Arbeiter 
3. Andere vom Unglück betroffene Unternehmen werden von Primark gebeten ebenfalls finanzielle Unterstützung zu leisten. 
Selbst wenn diese Unternehmen nicht helfen, garantiert Primark die Zahlung von drei Monatslöhnen an die Betroffenen.

Leider ziehen sich die Debatten über die genaue Vorgehensweise in die Länge, sodass nicht gesagt ist, wann diese Gelder den Betroffenen zur Verfügung stehen werden. Besonders großzügig zeigt sich Primark hier allerdings nicht und eigentlich sollte ein solches Unglück gar nicht erst geschehen. Es sollte ausreichend Sicherheitsmaßnahmen für Arbeiter geben, um vor derartigen Katastrophen zu schützen.

Dennoch tut Primark hier wenigstens ein wenig. Wenn auch wahrscheinlich nur aus öffentlichem Druck heraus, um ihr Image zu verbessern.


An einer anderen Stelle kann und will ich Primark, aber auch andere billige Modeketten nicht verteidigen: Viele der Produkte werden billig produziert. Mit billigen, gesundheitsgefährdenden Stoffen, die im Verdacht stehen oder nachgewiesen krebserregend sind. Allergische Reaktionen der Mitarbeiter hat es bereits häufig gegeben und in den Lagern der Primark-Filialen herrscht eine hohe Konzentration der Stoffe. Es soll bereits des öfteren Kreislaufzusammenbrüche in den Lagern gegeben haben. 

Alle im Labor gemessenen Werte liegen jedoch unter der gesetzlich zulässigen Grenze.

Ich kann das alles nicht nachweisen, denn ich bin nur eine Konsumentin, die einen Blog schreibt, aber ich finde das doch sehr bedenklich.

Von Primark selbst würde ich mir wünschen, dass sie tatsächlich ethisch handeln und es nicht nur auf ihrer bunten Website präsentieren. Zahlt den Menschen, was sie zum Existieren brauchen und haltet nicht an Floskeln wie "gesetzlicher Mindestlohn" und "Entschädigungszahlungen" fest.

Ich kann jetzt niemandem sagen: "Kauft bei Primark" oder "Kauft nicht bei Primark". Ich möchte nur bitten zu reflektieren und nicht nach der immer stärker aufkommenden Wegwerf-Moral zu leben. Überlegt, was ihr kauft, wenn ihr es kauft. Auch wenn das Teil nur drei Euro kostet, hat jemand sehr viel Arbeit hinein gesteckt. Werft ihr das Teil gleich wieder weg, werft ihr die Würde des Menschen gleich mit in die Tonne.

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