Man sollte meinen auf Plakatwänden am Kölner Hauptbahnhof finde man keine Schätze, sondern lediglich immens aussagekräftige Werbung der Deutschen Bahn und kunstvolles Graffiti mit einer Prise Großstadt-Dreck. Dass ich dort ein wirklich gutes Buch finden würde, hätte ich nicht erwartet. Klappentext: „Was denkst du gerade, Amy?” Diese Frage habe ich ihr oft während unserer Ehe gestellt. Ich glaube, das fragt man sich immer wieder: Was denkst du? Wie geht es dir? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt?
Genau diese Fragen stellt sich Nick Dunne am Morgen seines fünften Hochzeitstages, dem Morgen, an dem seine Frau Amy spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sogleich Nick. Amys Freunde berichten, dass sie Angst vor ihm hatte. Er schwört, dass das nicht wahr ist. In seinem Computer findet die Polizei merkwürdige Hinweise. Er erhält sonderbare Anrufe. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?
Und "wunderbare Frau Amy" ist auch schon da Stichwort. Denn Amy ist nicht so, wie sie scheint - aber Nick ist es noch weniger. Ich habe ein paar Rezensionen zu dem Buch gelesen. Viele beschrieben es als "langatmig", man hätte "eine Menge wegkürzen können" und einigen war der Plot schlicht und ergreifend zu langweilig.
Ich persönlich lege aber viel Wert auf ein gut geschriebenes und gut durchdachtes Buch. Und dahingehend hat die Autorin wirklich ganze Arbeit geleistet.
„Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist ein Roman von Gillian Flynn, erschienen
2012 im FISCHER Verlag.
Protagonist der Geschichte ist Nick Dunne, der liebende Ehemann.
Protagonistin ist Amy, seine Frau, offenbar das Opfer in der Geschichte. Zu
Beginn der Handlung verschwindet Amy und hinterlässt ein verwüstetes Wohnzimmer
und einen ziemlich überforderten Nick, der sich fortan mit der Polizei
rumschlagen muss, denn es stellt sich heraus, dass die perfekte Amy mit ihrem
Nick gar keine perfekte Ehe gehabt hatte, ganz im Gegenteil. Und so wird Nick
schnell zum Hauptverdächtigen und weiß bald nicht mehr, wo ihm der Kopf steht.
Als selbst seine Schwester (und zeitgleich beste Freundin) ihn des Mordes an
Amy verdächtigt, ist er völlig mit den Nerven am Ende.
Amy dagegen ist zweierlei. Sie ist perfekt, weil ihre Eltern sie so haben
wollten. Weil sie als Buchvorlage der „Amazing Amy“-Reihe fungierte. Und heute
ist sie perfekt, weil sie perfekt sein will. Doch im Laufe des Buches wird
jeder Leser merken: Amy ist nicht perfekt, sondern krank.
veranstaltet an jedem Hochzeitstag eine Art Schnitzeljagd. Sie versteckt
Hinweise an verschiedenen Orten, die ihr im vergangenen Jahr etwas bedeutet
haben und lässt Nick diese (meist erfolglos) suchen, bis er am Ende sein Geschenk
findet. Bevor sie an ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet, hinterlässt sie
ihm eine solche Schnitzeljagd, die Nick gnadenlos durchzieht, obwohl er mit
jedem gefunden Hinweis immer verdächtiger wird. Letztendlich lässt er sich
sogar coachen, um bei seinen Auftritten in Talkshows mehr wie der vermissende
Ehemann zu wirken. Das macht er so lange, bis Amy schließlich beschließt, er
habe genug gelitten.
Die Story ist aus zwei Perspektiven erzählt: Der von Nick und der von Amy.
Richtig, der von Amy. Denn Amy ist gar nicht tot, sondern quicklebendig und
äußerst aktiv. Sie will nämlich ihrem Mann eine Lektion erteilen und hat ihren
eigenen Mord inszeniert. Sowohl Amy, als auch Nick, sind aus psychischer Sicht
nicht ganz gesund. Vor allem bei Amy habe ich mehrere Male eine wahre
Psychopathin vor Augen gehabt und musste mir die Frage stellen: „Wer ist denn
hier eigentlich das Opfer?“. Und gerade das macht den Plot so interessant. Flynns
Stil überzeugt hier. Sie schreibt die Gedankenströme der Protagonisten flüssig,
aber sprachlich sehr elegant. Ich glaube, wer diese inneren Monologe als „langweilig“
empfindet, ist schlicht dem Niveau oder Anspruch der solchen nicht gewachsen.
Dabei bleibt die Handlung schlüssig, wenn auch manchmal ein wenig überspitzt.
Es scheint oft, als plane Amy zu viel, zu genau und als sei sie auf quasi jede
Eventualität gefasst.
Während des Verlaufs der Geschichte erfährt man eine Menge über Nicks und
Amys Vergangenheit. Sowohl miteinander, als auch von der Zeit, bevor sie sich
kennen lernten. All das gestaltet die Charaktere der beiden nachvollziehbar und
schlüssig, sodass einem nie in den Sinn kommt eine Handlung oder einen Gedanken
in Frage zu stellen.
Mein Eindruck von Flynns Roman ist durchweg sehr gut. Einzig und allein das Ende kommt mir zu plötzlich, zu unverhofft. Aber vielleicht war ich auch schlicht traurig darüber, dass ich bereits die letzte Seite umgeblättert hatte.
Mein Eindruck von Flynns Roman ist durchweg sehr gut. Einzig und allein das Ende kommt mir zu plötzlich, zu unverhofft. Aber vielleicht war ich auch schlicht traurig darüber, dass ich bereits die letzte Seite umgeblättert hatte.
Sprachgewandt, und ein wenig anspruchsvoller als die aktuelle Durchschnittsliteratur, zeigt uns Flynn hier zwei psychisch angeschlagene Protagonisten, die sich gegenseitig manipulieren, wo sie nur können. Die Geschichte hat einige plötzliche Wendungen, bei denen ich den einen oder anderen Satz zweimal lesen musste, ehe ich sie glauben konnte.
Zum Schluss noch eins: ich weiß, dass dieses Buch "gehyped" wird - und ich kann es verstehen. Dennoch bleibt es ein Teil der Trivialliteratur. Was mir fehlt ist die Botschaft, das "was lernen wir daraus" oder die schulisch so gern genannte "Intention des Autors". Schade, aber bei einem solchen Werk vielleicht nicht machbar. Vielleicht habe ich die Message auch einfach nur nicht erkannt und ihr erleuchtet mich!

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